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Pack ma's

 

Gemeinsam sind wir stark

 

 

 

Aus: stadtgottes, Monatsmagazin der Steyler Missionare, www.stadtgottes.de

 

Text und Fotos: Albert Herchenbach

 

 

 

Sechstklässler sollen lernen, Selbstvertrauen und Zivilcourage zu entwickeln, um dem Bösen mutig die Stirn zu bieten. „Pack ma’s“ heißt das Programm. Wir haben in einer bayerischen Schule zugeschaut

 

 

 

 

Paul ist völlig verängstigt, auch wenn er sich alle Mühe gibt, cool zu bleiben. Er ist vor die Tür geschickt worden, und als er jetzt ins Klassenzimmer zurückkommt, sitzen seine Mitschüler in zwei Stuhlkreisen eng beieinander, stecken die Köpfe zusammen, tuscheln und nehmen keinerlei Notiz von ihm. Paul sucht Blickkontakt, geht zögernd von einem Kreis zum andern. Irgendeiner muss ihn doch bemerken! Irgendjemand wird doch gleich sagen: Komm, Paul, hol dir einen Stuhl und setz dich zu uns! Irgendwer könnte doch aufstehen und sagen: Du, Paul, die haben gerade ein Problem mit dir, aber ich stehe zu dir!

 

Keiner steht auf, keiner kommt.

 

Paul sagt später: Das hat mir sehr wehgetan. Wenn das länger gedauert hätte, wäre ich gegangen. Paul meint, die Situation habe zehn Minuten gedauert. Es waren nicht mal zwei, klärt ihn die Moderatorin auf, die ihn ausgewählt hat, weil sie sicher war, dass Paul das aushält.

 

Das Ganze heißt: Geschlossene Gesellschaft, eine von zwölf Übungen innerhalb des Projekts „Pack ma’s: Für eine Schule ohne Gewalt“. Das Konzept ist seit 15 Jahren fester Bestand des Lehrplans an vielen bayerischen Schulen. Sechstklässler sollen lernen, in Krisen und Konfliktsituationen eigenständig Lösungen zu finden. Ohne Gewalt! Packen wir es an!

 

Aber was hat die „Geschlossene Gesellschaft“ mit Gewalt zu tun? Darüber denken jetzt 17 Schülerinnen und Schüler der 6 B an der Pfaffenhofener Mittelschule mit der Jugendsozialarbeiterin Nancy Hofmüller, 31, und der Religionslehrerin Gesa Minkenberg, 63, nach. Die halbe Klasse hat einen Migrationshintergrund: Die Zwölf- und 13-Jährigen kommen aus der Türkei, Polen, Albanien, ein Mädchen aus Syrien. Sie ist seit einer Woche in dieser Klasse, spricht kaum Deutsch. Soziale Schulwirklichkeit heute.

 

„Gewalt“, sagt Gesa Minkenberg, „kommt an Schulen immer häufiger vor. Und sie äußert sich nicht nur in wüsten Schlägereien, sondern kommt oft subtiler daher.“ Als Mobbing, Hänselei, Ausgrenzung. Nancy Hofmüller weiß aus ihrer Erfahrung: „Viele Schüler haben kein Gefühl für Gewalt, ihnen fehlt das Gespür, wie sie mit ihrem Verhalten andere Menschen verletzen.“

 

Empathie sollen sie an diesen beiden Vormittagen lernen, sich in andere einfühlen und merken, was Gewalt auslösen kann. Paul sagt: „Als ich da so allein stand, ging’s mir ganz schlecht.“ Was das auslösen kann, berichtet sein Klassenkamerad: „Wenn mein großer Bruder in der Schule Stress hatte, lässt er nachmittags seine Wut an mir aus.“ Er wischt die Haare aus der Stirn und zeigt einen blauen Fleck an der Schläfe. Hab dich nicht so, habe sein Bruder gesagt, war doch nur ein Schubser.

 

Wer definiert also, was Gewalt ist? Der Bruder? „Ein Richter“, wirft Lucas in die Runde. „Der, der sie erlebt hat“, korrigiert Alicia.

 

Die beiden Projektbegleiterinnen legen eine „Gewaltleiter“ auf den Fußboden, eine zwei Meter lange Prozentskala von Null – keine Gewalt – bis Hundert: brutale Gewalt. Daneben legen die Schüler Karten: Jemand spuckt dich an: 30 Prozent. Boxkampf: 70 Prozent. Autotür mit einem Schlüssel zerkratzen: 20 Prozent. Ein dickes Mädchen hänseln: 50 Prozent. Mit Tempo 120 durch die Innenstadt brettern: zehn Prozent. Dann wird eine Diskussion provoziert. „Was“, sagt die Sozialarbeiterin gespielt wütend zur Lehrerin, „nur 20 Prozent für die zerkratzte Autotür? Weißt du überhaupt, wie lange ich auf das Auto gespart habe?“ Sie schiebt die Karte neben die 80 Prozent. Gesa Minkenberg kontert: „Zehn Prozent für Raserei? Für mich sind das 100 Prozent Gewalt!“ „Nein“, wehrt sich die Sozialpädagogin, „ist doch nichts passiert.“

 

Und schon tobt in der Klasse eine Diskussion, die 20 Karten werden mal rauf, dann wieder runtergeschoben. „Boxen ist Sport“, sagt Johanna, „null Prozent!“ „Ein dickes Mädchen hänseln“, meint ihre Freundin, „das sind 80 Prozent.“ „Kann sich doch wehren“, sagt ein Junge und schiebt entschieden die Karte runter auf 20 Prozent.

 

Nach fünf Minuten wird die Übung abgebrochen. Jedem ist klar geworden: Was als Gewalt empfunden wird, das kann nur einer bestimmen: das Opfer.

 

Sich in einen anderen hineinversetzen zu können, setzt voraus, seine eigenen Empfindungen zu kennen. Samir legt sich auf den Boden, seine 16 Klassenkameraden stehen dicht um ihn herum. Wie fühlt sich das an, da unten hilflos zu liegen? Und was spüren die Umstehenden? Macht? Oder Mitleid?

 

Um ein Gespür für Empathie zu bekommen, werden zwölf Stühle zusammengeschoben. Die 17 Schüler steigen drauf. „Ihr seid auf der Titanic, und die hat jetzt einen Eisberg gerammt.“ Gesa Minkenberg nimmt einen Stuhl weg. „Keiner eurer Mitschüler darf den Fußboden berühren, dann ist das Spiel aus“, sagt sie, und nimmt einen nach dem anderen weg. Gekreische, wildes Festklammern. Schließlich schaffen es die 17, sich und die anderen auf drei Stühlen zu halten. Lauterstarker Jubel! Dann kann sich Luan nicht mehr halten – aus! Ist er schuld? Nein, sagen die anderen einstimmig, wir hätten ihn besser festhalten sollen.

 

Und so bekommen sie spielerisch ganz nebenbei eine Lektion in Verantwortung, Selbstbewusstsein, Zuverlässigkeit. Ganz besonders beim „Vertrauensfall“. Kevin steht auf einem Tisch, seine Klassenkameraden in zwei Reihen davor. Rückwärts, mit geschlossenen Augen und verschränkten Armen soll er sich in die ausgestreckten Arme seiner Mitschüler fallen lassen. „Seid ihr bereit?“, sagt er zaghaft. „Wir sind bereit!“, schallt es zu ihm hoch. Kevin spannt sich an, schließt die Augen, zögert – und steigt dann resigniert vom Tisch. „Ke-vin, Ke-vin, Ke-vin ...“, feuern ihn die anderen an. Er stiegt wieder hoch – und lässt sich in die ausgestreckten Arme fallen. „Als die mich so angefeuert haben, das hat mit Mut gemacht“, strahlt er.

 

Aber die Klasse lernt auch die negative Seite des Anfeuerns kennen. Kai und Kevin gehen wie antike Schwertkämpfer mit Schaumstoffrollen aufeinander los, die anderen haben sich in zwei Lager geteilt und spornen sie lautstark an. Mal den einen, mal den anderen – und dann wenden sie sich ab. Die zwei sind irritiert, und lassen voneinander ab. „Da hat’s keinen Spaß mehr gemacht“, sagt Kevin, der zuvor gespürt hat, wie ihm Kraft zuwächst, wenn die anderen zu ihm stehen. „Schläger“, erklärt Nancy Hofmüller, „brauchen meist Publikum. Wenn das weg ist, hören sie meist auf. Wenn ihr anfeuert, werdet ihr Mittäter!“

 

 

Das Böse, die Gewalt und Aggression, hat an diesen zwei Unterrichtstagen für die Schüler eine Gestalt bekommen. Die haben sie spielerisch in den Übungen entdeckt, vor allem aber auch, wie nahe Wut, Macht, Ohnmacht und Aggressivität beieinander liegen. Und sie haben gelernt, wie man mit Vertrauen und Selbstbewusstsein Zivilcourage bekommt, um Böses zu verhindern. „Ich glaube, ich kann das jetzt aushalten, wenn ich beim Mobbing nicht mitmache und die anderen mich als feige beschimpfen“, erklärt ein Junge. Und ein Mädchen ergänzt: „Ich bin keine Petze, wenn ich zum Lehrer gehe und ihm melde, dass da jemand verletzt wird.“

 

 

 

Albert Herchenbach